Stephen Elop

Nokia ohne die Finnen

Vor einem Jahr war Nokia am Ende. Es fehlte die Perspektive, ganz konkret die Vorstellung davon, wie ein Smartphone aussehen muss, das begeistern kann – im Vergleich mit dem iPhone, aber auch an der Kasse. Die Geschäfte wurden schließlich Stephen Elop übergeben. Nach einem Jahr zieht er Bilanz. Nokia ist wieder da, aber wo sind die Finnen?

In der Keynote zur Nokia World 2011 wurden gestern die neuen Produkte vorgestellt. Auf der Bühne stand aber kein Finne. Sogar bei der Liveschaltung mit einem Werk in Finnland sprach Stephen Elop mit keinem Finnen. So sehr hat der Nokia-Chef das Unternehmen in einem Jahr umgebaut.

Das Urteil zum neuen Lumia 800 könnte lauten: umwerfendes Design, Technik so lala. Nach diesem Muster präsentierte sich gestern auch das neue Nokia. In der Keynote traten technische Details in den Hintergrund, Nokia versuchte Emotionen zu erzeugen.

Elop füllt alles aus

Das wurde bei Kevin Shields, der das Lumia 800 vorstellte, ein wenig peinlich. Wen er ohne Jackett und mit offenem Hemd kopieren wollte, bleibt sein Geheimnis. Larry Page? Steve Jobs? Oder zumindest Phil Schiller? Er traf nicht den Ton. Genau das macht eine 'coole Sau' aber aus.

Dabei ist das bereits Stephen Elop. Der Kanadier mit langweiligem Haarschnitt und gut genährtem Bauch sieht nach nichts aus, füllt vor einem Mikrofon aber alles aus – auch die große Bühne. Stets wirkt er ruhig und freundlich, dabei ist offensichtlich, dass er bei Nokia keinen Stein auf dem anderen gelassen hat.

Man muss sich nur die Ergebnisse ansehen. Sein Gesellenstück ist gar nicht einmal das Lumia 800, sondern das Nokia N9. Das MeeGo-Smartphone zeigt Außergewöhnliches – in Design der Hardware, Material und Verarbeitung sowie bei der Oberfläche Harmatten. Das kannte man bisher nur von Apple.

Ökosystem statt Alleingang

Weshalb setzt Elop dann aber nicht auf MeeGo statt auf Windows Phone? Er scheint Nokia nicht zuzutrauen, als mittlerweile Außenseiter den Markt allein aufzurollen, wie Apple das mit dem iPhone gemacht hat. Er sucht Verbündete in einem Ökosystem.

Dort tummeln sich noch Samsung, HTC und LG. Wenn Nokia aber Anfang 2012 die nächsten Smartphones vorstellen wird, die sich nicht nur in der Hardware von den anderen Windows Phones abheben, sondern auch in der Oberfläche, dann könnten Microsoft und Nokia bald unter sich sein.

Dieser Schatten lag bereits gestern über der Keynote. Alles erinnerte ein wenig an Microsoft, und das lag nicht am ehemaligen Microsoft-Manager Elop.

Kein Spinoff von Microsoft

Die Bühne war in Blau getaucht. Die Redner wirkten, als ob sie nicht oft aus ihren Büros herauskämen, unsicher und ungelenk. Es war viel Marketingsprech zu hören. Kevin Shields sah man bereits wie Steve Ballmer einst über die Bühne tanzen, besser gesagt hüpfen.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, Nokia als Spinoff von Microsoft zu betrachten oder als Übernahmekandidat. Nokia tritt selbstbewusst auf, gerade auch im direkten Vergleich Elop-Ballmer. Eines sollte man Nokia allerdings nicht mehr nennen – die Finnen.

27.10.2011 | 11:20 Uhr
Autor: Peter Giesecke
Tags: Stephen Elop, Nokia

Anzeige

Werbung